Purpose (of life)

Marion Schwarzat, WhatsApp, 16:47 Uhr

„That's the purpose of life, isn't it?!

Es war ein ganz normaler Mittwochnachmittag — für mich allerdings an meinem Lieblingsstrand bei Kapstadt, wo ich gerade den Arbeitstag ausklingen ließ.

Da kam eine Nachricht von Mark Stephens — Yogalehrer, Autor und Freund, gerade in Kalifornien. „It's Spring in Hamburg, Autumn in Cape Town… where are you?!" schrieb er, und fragte, ob ich seine Retreat-Ankündigung mit meiner Community teilen könnte. Dann noch, fast beiläufig: „The inspiration is always right here."

Ich schrieb zurück, erzählte von Kapstadt, von meinem Plan, endgültig hierher zurückzugehen. Eine Farm zu kaufen. Hühner, Schweine, Katzen, Hunde.

„Will you grow yogis on your farm?" fragte Mark scherzend.

„No, chickens, pigs, cats, dogs… no yogis 😄" antwortete ich.

Mark: „So cool, seeing you make your dreams come true!"

Und ich, Füße im Sand, ohne groß nachzudenken: „That's the purpose of life, isn't it?!"

Seitdem lässt mich dieser Satz nicht los.

WAS IST EIGENTLICH PURPOSE?

Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist so alt wie das Denken selbst. Philosophen haben Bibliotheken damit gefüllt. Religionen ganze Weltbilder darauf gebaut. Und doch: Wenn die Antwort kommt, kommt sie meist nicht in großen Momenten. Sondern um 16:47 Uhr, in einem WhatsApp-Chat.

In der Yogaphilosophie gibt es dafür ein Wort: Dharma.

Dharma ist schwer zu übersetzen – es bedeutet gleichzeitig Weg, Wahrheit, Pflicht, Natur, Berufung. Es ist das, was uns von innen heraus trägt. Das, was sich richtig anfühlt – nicht weil es einfach ist, sondern weil es stimmig ist.

In den Yoga Sutras beschreibt Patanjali den Weg zur Freiheit — und dieser Weg beginnt immer mit Svadhyaya, der Selbststudie. Erkenne dich selbst. Nicht als Konzept, sondern als gelebte Praxis. Wer bin ich, wenn ich nicht funktioniere? Was bleibt, wenn ich den Lärm des Alltags zur Ruhe bringe?

Erst aus dieser Stille heraus wird Dharma spürbar.

DHARMA IN DER BHAGAVAD GITA

Die Bhagavad Gita — eines der bedeutendsten Texte der Yogaphilosophie — widmet dem Dharma ihr gesamtes Wesen. Krishna sagt zu Arjuna:

„Es ist besser, den eigenen Dharma unvollkommen zu leben, als den Dharma eines anderen vollkommen."

Ein Satz, der mich immer wieder trifft.

Wie oft versuchen wir, das Leben eines anderen zu leben? Den Erwartungen anderer zu entsprechen? Den Weg zu gehen, der von außen sinnvoll aussieht — statt dem, der sich von innen richtig anfühlt?

Dharma ist nicht das, was andere für uns vorgesehen haben. Er ist das, was uns von innen ruft. Leise, manchmal. Hartnäckig, immer.

Und noch etwas sagt die Gita: Dharma zu leben bedeutet nicht, das Ergebnis zu kontrollieren. Es bedeutet, die Handlung selbst integer zu vollziehen — ohne Anhaftung an Erfolg oder Anerkennung. Nishkama Karma — selbstloses Handeln aus innerer Wahrheit heraus.

SVADHARMA — DEIN GANZ PERSÖNLICHER WEG

Die Yogaphilosophie unterscheidet zwischen Dharma — dem universellen Gesetz — und Svadharma — dem persönlichen, individuellen Weg. Sva bedeutet „eigen", „selbst".

Svadharma ist nicht vererbbar. Nicht übertragbar. Er lässt sich nicht kopieren.

Die Samkhya-Philosophie, auf der das Yoga aufbaut, beschreibt die drei Gunas — die Grundqualitäten der Natur — als Kräfte, die unser Erleben und Handeln färben: Tamas (Schwere, Trägheit), Rajas (Bewegung, Leidenschaft) und Sattva(Klarheit, Harmonie).

Wenn wir im Einklang mit unserem Svadharma handeln, überwiegt Sattva — jene Qualität der inneren Klarheit, in der wir wissen, was richtig ist. Nicht weil jemand es uns gesagt hat. Sondern weil wir es spüren.

Das Pendeln zwischen Hamburg und Kapstadt — es ist Rajas. Bewegung, manchmal Erschöpfung. Und gleichzeitig: sattvisch in seinem Kern. Denn es dient einem klaren, inneren Ja.

DHARMA BEDEUTET NICHT: ANKOMMEN

Hier liegt ein häufiges Missverständnis.

Wir denken, Purpose sei ein Zielzustand. Etwas, das wir haben, wenn wir endlich angekommen sind – auf der Farm, im Traumjob, in der richtigen Stadt.

Doch die Griechen hatten dafür ein präziseres Wort: Telos. Das Ziel, auf das hin sich etwas entfaltet. Nicht der Moment der Ankunft – sondern der Entfaltungsprozess selbst. Aristoteles nannte das Eudaimonia – oft als „Glück" übersetzt, besser aber als das Aufblühen im Einklang mit der eigenen Natur. Es ist kein Gefühlszustand. Es ist eine Ausrichtung.

Mein Dharma ist nicht die Farm. Mein Dharma ist das Leben, das ich führe, während ich auf sie hinarbeite.

PURPOSE IST EIN VERHÄLTNIS, KEIN BESITZ

Wenn ich die Frage nüchtern betrachte, zeigt sich etwas Einfaches:

Purpose entsteht dann, wenn Handlung und innere Wahrheit übereinstimmen. Wenn das, was ich tue, nicht gegen mich läuft – sondern mit mir. Das klingt simpel. Und ist gleichzeitig das Schwerste überhaupt. Weil es zuerst bedeutet zu wissen, wer ich bin. Und dann den Mut aufzubringen, danach zu handeln. Auch wenn der Weg unbequem ist. Auch wenn das Pendeln erschöpft. Auch wenn 2030 noch weit weg ist.

Viktor Frankl schrieb:

Nicht wir stellen dem Leben Fragen – das Leben stellt uns Fragen.

Und unsere Aufgabe ist es, zu antworten. Mit unserem Tun. Mit unseren Entscheidungen. Mit unserem Mut.

PURPOSE ERFÜLLEN – NICHT FINDEN

Was Mark am Ende schrieb, hat mich nicht losgelassen:

„Yes, you fulfill that purpose so well… admit you're special!"

Ich musste lachen. Und gleichzeitig hat mich das Wort nicht losgelassen: Nicht haben. Nicht finden. Sondern erfüllen.

Als wäre es ein Versprechen, das ich mir selbst gegeben habe – und das ich gerade einlöse. Schritt für Schritt. Das ist vielleicht die tiefste Wahrheit über Dharma: Er ist nichts, das wir suchen müssen. Er ist etwas, das wir leben – wenn wir den Mut haben, uns selbst treu zu bleiben.

Und vielleicht ist das auch das Besondere an uns allen: Wenn wir unseren Weg wirklich gehen, wird es sichtbar. Für andere. Und irgendwann auch für uns selbst.

„Yogaś citta-vṛtti-nirodhaḥ" — Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedankenwellen.

Wenn der Geist ruhig wird, zeigt sich, wer wir wirklich sind. Und damit auch: wohin wir gehören.

REFLEXIONSFRAGEN FÜR DICH

  • Woran merkst du, dass du auf dem richtigen Weg bist – auch wenn er gerade anstrengend ist?

  • Gibt es etwas in deinem Leben, das sich stimmig anfühlt, auch wenn es noch nicht fertig ist?

  • Wo lebst du gerade im Einklang mit dir – und wo nicht?

EINE KLEINE ÜBUNG

Nimm dir heute Abend einen Moment.

Schreib einen Satz – nur einen – der beschreibt, was gerade dein Purpose ist. Nicht den großen, philosophischen. Den kleinen. Den ehrlichen. Den, den du um 16:47 Uhr tippen würdest, ohne groß nachzudenken.

Oft ist das die wahrhaftigste Antwort.

In Liebe und Tiefe,

Marion 🌿

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