Anitya-Alles ist im Wandel
Yoga Sutra 2.5
„Unbeständigkeit für beständig, das Unreine für rein, das Leidvolle für freudvoll, das Nicht-Selbst für das Selbst zu halten – das ist Unwissenheit.“
Alles verändert sich.
Nicht irgendwann. Sondern ständig.
Gedanken kommen und gehen. Gefühle tauchen auf, verweilen, lösen sich wieder. Beziehungen verändern ihre Form. Der Körper ebenso. Und doch verhalten wir uns oft so, als ließe sich etwas festhalten – ein Zustand, ein Moment, ein Gefühl von Sicherheit.
Die alten Weisheitstraditionen des Yoga und des Buddhismus benennen diese grundlegende Wahrheit mit großer Klarheit:
Nichts bleibt, wie es ist.
Die Yogaphilosophie fasst diese Einsicht in einem einzigen Wort zusammen:
Anitya – Unbeständigkeit.
Ein schlichtes Wort für eine Erkenntnis, die unser gesamtes Leben berührt. Denn so sehr wir uns nach Stabilität sehnen, nach Verlässlichkeit und Kontrolle, so wenig lässt sich das Leben darauf festlegen.
WAS DIE YOGASCHRIFTEN ÜBER ANITYA SAGEN
In den Yoga Sutras von Patañjali finden wir eine der klarsten Formulierungen zu diesem Thema:
„Anitya Ashuchi Duhkha Anātmasu Nitya Shuchi Sukha Ātma Khyātiḥ Avidyā.“
„Unbeständigkeit für beständig, das Unreine für rein, das Leidvolle für freudvoll, das Nicht-Selbst für das Selbst zu halten – das ist Unwissenheit.“
Mit anderen Worten:
Wir leiden nicht, weil sich Dinge verändern.
Wir leiden, weil wir erwarten, dass sie es nicht tun.
Wir klammern uns an Zustände, an Menschen, an Rollen, an innere Bilder davon, wie etwas sein sollte. Und übersehen dabei, dass alles, was entsteht, auch wieder vergeht.
„Es gibt kein Kommen und Gehen. Alles verändert nur seine Form.“
— Thich Nhat Hanh
DAS AUF UND AB DES LEBENS
Was wir im Außen erleben, spiegelt sich im Inneren.
Gedanken wechseln. Stimmungen verändern sich. Phasen der Klarheit werden von Unsicherheit abgelöst, Zeiten der Kraft von Müdigkeit.
Das Leben ist Bewegung. Ein ständiger Übergang.
Die Frage ist nicht, ob sich etwas verändert.
Die Frage ist, wie wir damit umgehen.
Kämpfen wir gegen das, was gerade ist?
Oder lernen wir, uns im Wandel zu orientieren?
Viele große Lehrerinnen und Lehrer der Yoga- und Achtsamkeitstradition erinnern uns immer wieder daran: Freiheit entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch das Anerkennen dessen, was sich zeigt.
„Alles ist perfekt, so wie es ist. Und es könnte noch ein bisschen besser sein.“
— Shunryu Suzuki
VERGÄNGLICHKEIT ALS ZENTRALE EINSICHT DER ACHTSAMKEITSPRAXIS
Auch im Buddhismus gehört die Erkenntnis der Unbeständigkeit zu den zentralen Grundlagen der Praxis. In der Vipassana-Meditation werden drei grundlegende Einsichten immer wieder erfahrbar:
Anitya – Vergänglichkeit: Nichts bleibt, wie es ist.
Duhkha – Unzufriedenheit: Alles Bedingte trägt das Potenzial für Leiden in sich.
Anatta – Nicht-Selbst: Es gibt kein festes, unveränderliches Ich.
Diese Einsichten sind keine theoretischen Konzepte. Sie werden erfahren – im Sitzen, im Atmen, im Beobachten dessen, was auftaucht und wieder verschwindet.
In der Praxis zeigt sich oft, wie herausfordernd diese Wahrheit im Alltag ist. Denn zu erkennen, dass alles vergänglich ist – Gedanken, Erfolge, Beziehungen, der eigene Körper – kann zunächst verunsichern.
Und doch liegt genau darin eine große Freiheit.
Die Freiheit, diesen Moment zu leben.
Nicht später. Nicht unter besseren Bedingungen.
Sondern jetzt.
ANITYA AUF DER MATTE UND IM ALLTAG
Yoga ist ein Übungsfeld für diese Einsicht.
Eine Haltung fühlt sich heute leicht an und morgen schwer.
Ein Atemzug fließt ruhig, der nächste stockt.
Gedanken kommen, gehen, kehren zurück – und lösen sich wieder auf.
Statt das verändern zu wollen, können wir beobachten.
Und erkennen: Auch das ist nicht fest.
Vielleicht magst du dir in den kommenden Tagen folgende Fragen stellen:
Wo versuche ich gerade, etwas festzuhalten, das sich längst verändert?
Welche inneren Zustände möchte ich kontrollieren – und was würde geschehen, wenn ich sie einfach sein lasse?
Wie fühlt es sich an, dem Auf und Ab mit mehr Weite zu begegnen?
EINE KLEINE ÜBUNG FÜR DEN ALLTAG
Nimm dir einmal täglich einen kurzen Moment.
Halte inne und frage dich:
„Wie ist es gerade in mir?“
Ohne Bewertung. Ohne Korrektur. Nur wahrnehmen.
Und erinnere dich:
Auch das vergeht.
So wie jede Wolke weiterzieht, jeder Sonnenstrahl vergeht, jeder Sturm sich legt.
ANITYA ALS LEBENSPRAXIS
Wenn wir aufhören, gegen die Vergänglichkeit anzukämpfen, verändert sich unser Verhältnis zum Leben. Wir beginnen, bewusster zu leben. Aufmerksamer. Gegenwärtiger.
Nicht, weil alles sicher ist – sondern weil es das nicht ist.
Vielleicht ist genau das die tiefste Praxis:
Das Leben nicht festhalten zu wollen, sondern ihm offen zu begegnen.
Und zu wissen:
Dieser Moment ist kostbar, gerade weil er nicht bleibt.
Abschließen möchte ich mit einem Zitat meines Lehrers Jack Kornfield, das mich immer wieder begleitet:
„Alles, was entsteht, vergeht. Also liebe, solange du kannst. Und halte nichts fest.“