Veränderung braucht Zeit – stay dedicated
“Yoga is not about touching your toes. It is what you learn on the way down.”
- Jigar Gor
Fast 500 Menschen habe ich mittlerweile durch unsere Ausbildung begleitet. Am ersten Tag sitzen immer lauter Fremde im Kreis, ein bisschen unsicher, wer wohl neben wem landet – und sieben, acht Monate später sind sie jemand anderes. Nicht, weil der Kopfstand plötzlich sitzt. Das auch. Aber das ist nicht der Punkt. Genau die Veränderung ist es, die mich jedes Mal wieder fasziniert.
Deshalb halten wir auch nichts von Ausbildungen im Schnelldurchlauf – vier Wochen, zehn Wochen, durchhetzen, Zertifikat, fertig. Das mag effizient klingen, aber was sich wirklich verändern soll, lässt sich nicht komprimieren.
Es braucht Wiederholung, Alltag dazwischen, die Gelegenheit, das Gelernte in der eigenen Küche, im eigenen Streit, im eigenen Montagmorgen auszuprobieren und beim nächsten Treffen wiederzukommen und zu sagen:
Das hat nicht funktioniert, oder: Das hat alles verändert. Genau deshalb zieht sich unsere Ausbildung über ein halbes Jahr und mehr.
Das Gefühl, ein Alien zu sein
Viele, die zu uns in die 200-Stunden-Ausbildung kommen, tragen ein stilles Gefühl mit sich herum: dass sie anders sind. Dass sie zu viel fühlen, zu viel hinterfragen, zu langsam sind für eine Welt, die Tempo und Funktionieren belohnt.
In unserer westlichen Kultur werden Grenzen selten geschätzt – wer "nein" sagt, wer Pausen braucht, wer nicht einfach weitermacht, gilt schnell als schwierig oder schwach.
Und dann kommen sie in unseren Raum. Und merken: Sie sind nicht die Einzigen.
Das ist der Moment, der mich jedes Mal wieder berührt – wenn aus einer Gruppe fremder Menschen ein Wir wird. Ein Wir, das nicht auf Leistung beruht, sondern auf einem gemeinsamen Anliegen: den eigenen Platz zu finden. Nicht zurück zu sich selbst – das würde voraussetzen, du hättest dich schon einmal verloren. Sondern zum ersten Mal wirklich anzukommen.
Und aus diesem Wir wird oft mehr als ein gemeinsames Wochenende. Ich erlebe immer wieder, wie aus Menschen, die sich am ersten Tag noch fremd gegenübersaßen, über die Monate echte Freundschaften werden – Menschen, die sich sonst im Leben vielleicht nie begegnet wären, finden plötzlich jemanden, der genauso tickt wie sie. Manche verabreden sich Jahre später noch zum gemeinsamen Üben, reisen zusammen, feiern Geburtstage. Nicht, weil sie sich das vorgenommen hätten, sondern weil es sich in diesen Monaten des gemeinsamen Ringens einfach ergibt, wenn man Gleichgesinnte findet, die die gleiche Sprache sprechen.
Geschichten, die mich nicht loslassen
Da war zum Beispiel jemand, dem ärztlich gesagt wurde, der eigene Körper würde Yoga schlicht nicht mitmachen – zeitweise bettlägerig. Herausgekämpft, Ausbildung durchgezogen, und dann das komplett Undenkbare getan: alles aufgegeben, losgezogen, ein neues Leben angefangen. Nicht aus Flucht, sondern aus Ankunft.
Und das ist beileibe kein Einzelfall.
Immer wieder erlebe ich, wie jemand mitten in der Ausbildung merkt, dass die eigene beeindruckende Karriere sich innerlich hohl anfühlt – und kurz darauf kündigt. Wie jemand alles zusammenpackt und in ein anderes Land zieht, ganz neu anfängt, mit nichts als frisch gewonnenem Vertrauen im Gepäck. Wie die überzeugteste Skeptikerin im Raum, der nüchterne Kopfmensch, der bestimmt nie was mit "Spirituellem" am Hut haben wollte, plötzlich mitten in der Meditation denkt: Moment, das hier ist echt.
Es ist selten Yoga selbst, das solche Sprünge auslöst. Es ist das Vertrauen, das sich die Menschen in diesen Monaten zurückerobern. Und mit diesem Vertrauen im Rücken trauen sie sich plötzlich Dinge, an die vorher niemand geglaubt hätte – am wenigsten sie selbst.
Was sich wirklich verändert
Wenn ich zurückblicke auf fast 500 ausgebildete Yogalehrer:innen, ist es die Praxis auf der Matte, die den Raum dafür öffnet – aber sie ist nicht das Ziel, sie ist das Werkzeug.
Durch die tägliche Asana-Praxis lernen Menschen, ihre eigenen Grenzen überhaupt erst wahrzunehmen – und sie dann auch zu achten, statt sie zu ignorieren, wie sie es oft ihr ganzes Leben lang gelernt haben. Sie erfahren durch die Philosophie einen Rahmen, der ihre Erfahrungen einordnet, statt sie pathologisiert. Und sie erleben Mut – den Mut, zum ersten Mal vor einer Gruppe zu sprechen, anzuleiten, sichtbar zu sein.
Das ist es, was sich über die Jahre kristallisiert hat: Die 200 Stunden verändern selten nur den Körper. Über die körperliche Praxis verändert sich das Verhältnis zu sich selbst.
Was diese Ausbildung nicht ist
Und jetzt die unbequeme Wahrheit, die ich niemandem ersparen möchte: Nach 200 Stunden ist niemand eine fertige, souveräne Lehrerin. Sorry.
Wer mit der Erwartung reinkommt, hinterher alles zu können, wird ziemlich sicher enttäuscht. Die eigene Stimme im Unterrichten, die Ruhe, die Tiefe – das kommt nicht mit dem Zertifikat, das kommt erst später, im echten Unterrichten, oft erst nach Jahren und mit einigen Fortbildungen mehr auf dem Buckel.
Manche verwechseln die Ausbildung mit einem Ziel. - Dabei ist sie eher eine Tür, durch die du trittst – und die dir vor allem eins zeigt: wie viel du noch nicht weißt.
“Sie (die Übung) bekommt ein festes Fundament, wenn sie lange Zeit, ohne Unterbrechung, mit aufrichtiger Hingabe und Eifer ausgeführt wird.”
Warum es trotzdem so viele wollen
Da könntest du jetzt fragen: Wenn 200 Stunden nur ein Anfang sind – warum dann überhaupt eine strukturierte Ausbildung, statt einfach jahrelang selbst zu üben?
Weil du allein selten so tief kommst. Es ist die Gruppe, die den Unterschied macht – der Spiegel, den andere Menschen dir vorhalten, die Verbindlichkeit, die dich weitermachen lässt, wenn du allein aufgegeben hättest. Es ist die Anleitung, die Fragen stellt, die du dir selbst nie gestellt hättest. Genau das lässt sich nicht im Alleingang erarbeiten.
Zum Schluss
Ich weiß nicht, was diese Vertiefung für dich bedeuten würde. Vielleicht ist es die Sehnsucht, endlich verstanden zu werden. Vielleicht ist es der Wunsch, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen, nachdem du sie jahrelang übergangen hast. Vielleicht ist es einfach die Ahnung, dass da noch mehr ist – ein Leben, das sich nicht nur richtig anfühlt, sondern auch wie deins.
Die Wege, die ich in diesen Ausbildungen begleiten durfte, waren nie geradlinig. Niemand kommt rein mit dem Plan, hinterher alles zu verkaufen oder auszuwandern. Meistens fängt es viel kleiner an: mit dem Mut, in einem Raum voller Fremder zum ersten Mal ehrlich zu sagen, wie es einem wirklich geht. Der Rest ergibt sich oft von allein.
Was wäre für dich der erste Schritt, deine eigenen Grenzen wieder ernst zu nehmen?