Dankbarkeit

“Dankbarkeit ist nicht nur die größte aller Tugenden, sondern auch die Mutter aller anderen.”

- Cicero

Was von dem, was heute ganz selbstverständlich zu deinem Leben gehört, war einmal ein Wunsch? Und wann genau hat es aufgehört, einer zu sein?

Dankbarkeit ist keine gute Laune. Sie ist auch kein Werkzeug, um glücklicher zu werden. Sie ist eine Form des Erinnerns – und damit etwas, das wir üben können, auch an Tagen, an denen uns nicht nach Danken zumute ist.

„DER WEISS, WAS GETAN WURDE“

Unsere Sprache weiß mehr über Dankbarkeit als die meisten Ratgeber. Das Wort Dank stammt aus derselben Wurzel wie denken und Gedanke. Ursprünglich meinte es schlicht: das, woran wir denken. Ein Gedenken.

Das Sanskrit sagt es noch genauer. Das Wort für dankbar heißt kṛtajña, wörtlich: jemand, der weiß, was getan wurde. Nicht jemand, der sich gut fühlt. Jemand, der nicht vergessen hat.

Das verändert die Frage. Sie lautet dann nicht mehr:

Fühlen wir uns dankbar? Sondern: Woran erinnern wir uns – und was haben wir längst aus dem Blick verloren, weil es jeden Tag da ist?

Das warme Wasser am Morgen. Der Mensch, der neben uns aufwacht. Ein Körper, der uns die Treppe hinaufträgt, ohne dass wir ihn darum bitten müssen.

✦ Wegdenken statt Aufzählen

Nimm etwas Gutes in deinem Leben und stelle dir vor, wie leicht es nie hätte geschehen können: die Begegnung, die du fast verpasst hättest, die Entscheidung, die auch anders hätte ausfallen können. Die Forschung nennt das „mentale Subtraktion“. Sie wirkt stärker als jede Liste, weil sie dem Selbstverständlichen seine Selbstverständlichkeit nimmt.

WENN DANKBARKEIT ZUM PROJEKT WIRD

Dankbarkeitslisten haben einen Haken. Nicht, weil sie nicht wirken, sondern weil wir aus ihnen so schnell die nächste Aufgabe machen. Drei Dinge am Abend, damit wir besser schlafen, gelassener werden, mehr Glück empfinden. Und schon geht es wieder um mehr.

Genau hier liegt der Widerspruch. Dankbarkeit, die wir einsetzen, um etwas zu bekommen, ist keine. Sie ist ein Tauschgeschäft mit uns selbst.

Interessanterweise bestätigt das sogar die Glücksforschung. Menschen, die einmal in der Woche aufschrieben, wofür sie dankbar waren, profitierten in einer Studie mehr als jene, die es dreimal wöchentlich taten. Was zur Pflicht wird, stumpft ab.

✦ Einmal, aber ganz

Schreibe nicht jeden Abend drei Dinge auf. Nimm dir einmal in der Woche Zeit für ein einziges – und bleibe dabei.

Wie kam es dazu? Wer war beteiligt? Was wäre ohne es anders?

Tiefe statt Menge.

DIE UNBEQUEME SEITE: EMPFANGEN

Hier wird es ungemütlich, und deshalb wird darüber selten geschrieben. Wirklich dankbar zu sein heißt anzuerkennen, dass das meiste von dem, was unser Leben trägt, nicht von uns stammt.

  • Der Atem, der ohne unser Zutun kommt.

  • Die Lehrerinnen und Lehrer, die vor uns geübt haben.

  • Die Menschen, die uns etwas zugetraut haben, bevor wir es selbst konnten.

Das widerspricht allem, was wir über uns als Schmiede unseres eigenen Glücks gelernt haben. Und es erklärt, warum vielen von uns das Geben so viel leichter fällt als das Annehmen. Wer gibt, behält die Kontrolle. Wer empfängt, ist berührbar.

Die Bhagavad Gita sagt es in einem ihrer bekanntesten Verse:

Unser Anrecht gilt dem Handeln, niemals seinen Früchten.

Die Hingabe ist unsere. Dass sie Früchte trägt, ist immer auch Geschenk. Wenn wir also innehalten und sehen, wie weit wir gekommen sind, dürfen wir beides würdigen: die eigene Arbeit – und alles, was sie möglich gemacht hat.

✦ Die Kette zurückverfolgen

Wähle einen schönen Moment des heutigen Tages und stelle zwei Fragen.

  1. Was habe ich dazu beigetragen?

  2. Und: Wer noch?

    Folge der Kette so weit du kannst. Sie endet nie bei dir allein.

“Nicht das Glück macht uns dankbar. Es ist die Dankbarkeit, die uns glücklich macht.”
— David Steindl-Rast

NICHT FÜR ALLES – ABER IN ALLEM

Dankbarkeit ist kein Schönreden. Niemand muss für eine Krankheit, einen Verlust oder das Leid in der Welt dankbar sein. Wer das verlangt, von sich oder von anderen, macht aus Dankbarkeit eine Pflicht und aus dem Schmerz ein Versagen. „Sei doch dankbar für das, was du hast“ gehört zu den einsamsten Sätzen, die ein trauriger Mensch hören kann.

Der Benediktinermönch David Steindl-Rast unterscheidet hier sehr genau:

Wir können nicht für alles dankbar sein, aber in jedem Moment für etwas.

Der Unterschied ist klein in der Formulierung und groß in der Wirkung. Dankbarkeit ersetzt das Schwere nicht. Sie stellt etwas daneben. Beides darf gleichzeitig wahr sein: Es ist schwer, und etwas trägt.

Wer einmal einen Menschen durch eine Krankheit begleitet hat, kennt das. Mitten in der Erschöpfung gibt es die Hand, die noch gedrückt wird. Die Nachbarin, die wortlos einen Topf Suppe vor die Tür stellt. Den einen Abend, an dem trotz allem gelacht wurde. Solche Momente machen nichts wieder gut. Aber sie gehören zur Wahrheit dieser Zeit – und oft sind sie es, die später bleiben.

Manchmal zeigt sich Dankbarkeit sogar dort, wo wir sie am wenigsten vermuten. Wir trauern nur um das, was uns kostbar war. In jeder Trauer steckt deshalb auch ein Dank – einer, der sein Gegenüber verloren hat.

Vielleicht kann sich Trauer genau deshalb mit der Zeit verwandeln. Der Schmerz darüber, dass etwas fehlt, wird allmählich zur Dankbarkeit dafür, dass es da war. Das lässt sich weder beschleunigen noch erzwingen. Es geschieht, wenn beides sein darf.

Eine Dankbarkeit, die das Dunkle ausspart, bleibt an der Oberfläche. Erst eine, die auch an schweren Tagen standhält, verdient ihren Namen.

✦ An schweren Tagen

Frage nicht: Wofür soll ich heute dankbar sein?

Frage: Was trägt mich gerade trotzdem? Ein Boden unter den Füßen genügt als Antwort.

SANTOSHA: DAS GENUG AUF DER MATTE

Patanjali nennt Santosha, die Zufriedenheit, als eines der Niyamas und verspricht: Aus ihr erwächst unübertroffenes Glück. Santosha heißt nicht, keine Ziele mehr zu haben. Es heißt, das eigene Glück nicht an ihr Erreichen zu knüpfen.

Nirgends lässt sich das so unmittelbar üben wie im Savasana oder in einer restorativen Haltung. Dort tun wir nichts mehr. Der Boden trägt, das Bolster hält, der Atem kommt von selbst. Wir üben, was uns im Alltag so schwerfällt: zu empfangen, ohne etwas dafür geleistet zu haben.

✦ Savasana als Empfangen

Spüre in deiner nächsten Endentspannung jede Stelle, an der dein Körper aufliegt. Lass dich mit jedem Ausatmen ein wenig mehr tragen. Das ist Dankbarkeit ohne Worte.

ES JEMANDEM SAGEN

Erinnern ist der Anfang. Vollständig wird Dankbarkeit erst, wenn sie ihr Gegenüber erreicht. Schreibe einem Menschen, der dein Leben zum Besseren verändert hat, einen Brief:

Was genau hat er oder sie getan, und was bedeutet es dir bis heute?

Und dann lies ihn vor. Persönlich. In der Positiven Psychologie gehört dieser Dankbarkeitsbesuch zu den Übungen mit der stärksten Wirkung – für beide.

Vier kleine Schritte – heute, gleich, jetzt

✦ Denke eine Sache weg, die du für selbstverständlich hältst. Und dann nimm sie zurück.

✦ Wenn dir heute jemand etwas anbietet – Hilfe, ein Kompliment, einen Platz: Nimm es an, ohne es abzuschwächen.

✦ Frage dich am Abend bei einem guten Moment: Wer hat dazu beigetragen?

✦ Bleibe im nächsten Savasana eine Minute länger liegen.

Dankbarkeit macht nicht mehr aus dem, was wir haben. Sie erinnert uns daran, was getan wurde, was uns trägt und was längst da ist. Das ist genug.

Kurs-Hinweis mit Audio (Tag 8)

Zum Anhören: Dankbarkeit üben

Der Dankbarkeitsbrief stammt aus meinem 15-tägigen Kurs „(D)ein Streben nach Glück – Impulse aus Glücksforschung & Positiver Psychologie“ auf Insight Timer. Tag 8 widmet sich ganz der Dankbarkeit und den kleinen Glücksmomenten. Du kannst ihn hier kostenlos anhören:

Tag 8, Dankbarkeit

Wenn du tiefer einsteigen möchtest: Der Kurs führt dich in 15 Tagen durch die fünf Wege zu mehr Wohlbefinden nach dem PERMA-Modell, mit Talks, Meditationen und Reflexionsfragen für dein Glückstagebuch.

Streben nach Glück- Impulse aus Glücksforschung & Positiver Psychologie


Mögest du dich immer wieder an das erinnern, was dich trägt.

Deine Marion

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