Santosha -Zufriedenheit

Lew Wygotski

“Das Miteinander ist der Ursprung und der Motor des Lernens."

Neugier und persönliche Entwicklung gehören zu den Kräften, die uns lebendig halten. Sie bringen Bewegung in unser Denken, öffnen neue Perspektiven und laden uns ein, über das hinauszugehen, was wir bereits kennen. Gleichzeitig spüren viele von uns eine tiefe Sehnsucht nach Ruhe, Zufriedenheit und dem Gefühl, „genug“ zu sein – so wie wir gerade sind.

Wie lassen sich diese beiden Pole miteinander verbinden, ohne dass das eine das andere verdrängt?

Eine überraschend stimmige Antwort entsteht im Zusammenspiel zweier Konzepte: der Zone proximaler Entwicklung aus der Psychologie und Santosha, dem yogischen Prinzip der Zufriedenheit.

Die Zone proximaler Entwicklung – wachsen im richtigen Maß

Der russische Psychologe Lew Wygotski beschreibt mit der Zone proximaler Entwicklung (ZPD) jenen Raum zwischen dem, was wir bereits selbstständig können, und dem, was wir mit Unterstützung lernen könnten. Es ist der Bereich, in dem Entwicklung möglich wird, ohne uns zu überfordern.

Nicht Stillstand, aber auch kein permanentes Über-sich-Hinausgehen. Sondern Lernen im Dialog – mit anderen, mit Impulsen von außen, und letztlich mit uns selbst.

Die ZPD erinnert uns daran, dass Wachstum nicht im Alleingang passiert. Wir brauchen Resonanz, Begleitung, manchmal auch ein Gegenüber, das uns sieht und ermutigt.

Santosha – zufrieden sein, ohne stehen zu bleiben

Im Yoga begegnet uns mit Santosha ein Prinzip, das auf den ersten Blick fast im Widerspruch zur Idee von Entwicklung steht. Santosha bedeutet Zufriedenheit – ein inneres Einverstanden-Sein mit dem, was gerade ist.

Doch diese Zufriedenheit meint keine Resignation und kein Sich-Zurücklehnen. Santosha lädt uns vielmehr ein, den gegenwärtigen Moment anzuerkennen, ohne ihn sofort verbessern zu wollen. Es ist die Kunst, nicht ständig im Mangel zu leben.

Santosha erinnert uns daran, dass Wachstum nicht aus innerem Druck entsteht, sondern aus einem Boden von Akzeptanz und Freundlichkeit.

Yoga als verbindender Raum

In der Yogapraxis treffen ZPD und Santosha auf natürliche Weise aufeinander. Jede Praxis bewegt sich zwischen Stabilität und Veränderung, zwischen Herausforderung und Loslassen. Patanjali bringt diese Qualität im bekannten Sutra auf den Punkt:

Sthira Sukham Asanam
Die Haltung – und damit auch die Praxis – ist zugleich stabil und leicht.

Übertragen auf unseren Yoga-Alltag bedeutet das: Wir üben an der Grenze unserer Möglichkeiten, ohne sie zu überschreiten. Wir erforschen Neues, ohne uns selbst dabei zu verlieren. Und wir lernen, Fortschritt nicht nur an äußeren Formen zu messen, sondern an innerer Präsenz.

ZPD und Santosha im gelebten Yoga-Alltag

Wenn du beide Prinzipien miteinander verbindest, entsteht ein feiner, tragfähiger Weg:

Du setzt dir Ziele, die dich einladen zu wachsen – nicht aus Selbstoptimierung, sondern aus Neugier. Du nimmst Unterstützung an, sei es durch Lehrer*innen, durch Austausch in der Gruppe oder durch achtsame Selbstreflexion.

Gleichzeitig kultivierst du Santosha, indem du wahrnimmst, was bereits da ist. Du erkennst deine Fortschritte an, ohne sie festzuhalten. Du akzeptierst Tage, an denen sich die Praxis leicht anfühlt, ebenso wie jene, an denen sie schwerer ist.

Yoga wird so zu einem Erfahrungsraum, in dem Entwicklung und Zufriedenheit keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig nähren.

Gemeinschaft, Geduld und Offenheit

Wachstum braucht Zeit. Und es braucht Beziehung. Der Austausch mit anderen, das Teilen von Erfahrungen, das gemeinsame Üben – all das erweitert unsere Zone proximaler Entwicklung auf natürliche Weise.

Gleichzeitig lädt Santosha dazu ein, geduldig zu bleiben. Nicht jeder Schritt muss sofort sichtbar sein. Nicht jede Erfahrung muss sich „gut“ anfühlen, um wertvoll zu sein.

Offenheit bedeutet hier nicht, alles zu wollen – sondern bereit zu sein, dem zu begegnen, was sich zeigt.

Fazit

Die Verbindung von ZPD und Santosha schafft einen ausgewogenen Zugang zu Yoga und persönlicher Entwicklung. Sie erinnert uns daran, dass wir wachsen dürfen, ohne uns selbst zu verlieren. Und dass Zufriedenheit nicht am Ende des Weges wartet, sondern mitten im Prozess liegt.

So wird Yoga zu einem Ort, an dem Lernen und Ankommen gleichzeitig möglich sind.
Nicht perfekt. Aber ehrlich. Und lebendig.

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