Befriend yourself

Rainer Maria Rilke

„Die einzige Reise, die du machen musst, ist die Reise zu dir selbst."

Wann bist du das letzte Mal wirklich bei dir gewesen? Nicht nur körperlich anwesend – sondern wirklich da, bei dir selbst, ohne Ablenkung, ohne Bewertung, ohne das Gefühl, irgendwo anders sein zu müssen?

Achtsamkeit ist keine Entspannungstechnik. Sie ist eine Einladung zur Freundschaft – zur Freundschaft mit dir selbst.

„TUE NICHTS, WAS DICH AUS DEINEM KÖRPER BRINGT“

Klingt erstmal fast zu simpel – und ist gleichzeitig eine der radikalsten Einladungen, die ich kenne. Denn wie oft passiert genau das, hundertfach am Tag? Wir hetzen durch die Woche, springen von Termin zu Termin, scrollen, planen, grübeln, und der Körper ist irgendwo dabei – aber wir selbst sind längst woanders, schon beim nächsten Gedanken, beim nächsten Problem, beim nächsten Müssen.

Achtsamkeit beginnt nicht mit der perfekten Meditationspraxis oder dem idealen Kissenplatz. Sie beginnt mit einer ganz grundlegenden, erstaunlich simplen Einladung: Komm zurück. Zu dir. In deinen Körper. In genau diesen Moment. Das klingt nach wenig – und ist eigentlich alles.

“Tue nichts, was dich aus deinem Körper bringt” ist kein Aufruf zur Passivität- ganz im Gegenteil. Es ist die Einladung zur Rückkehr, immer wieder. Sanft und ohne Selbstkritik. Denn dein Körper ist der einzige Ort, an dem Achtsamkeit wirklich passiert. Nicht im Kopf, sondern im Spüren.

✦ Micro-Moment-Praxis

Wähle heute eine einzige Alltagshandlung – Tee kochen, Zähne putzen, Schuhe anziehen – und mach sie ganz bewusst. Spüre jede Bewegung. Lass alle Gedanken kommen und wieder gehen. Sei voll dabei.

PEMA CHÖDRÖN UND DIE KUNST DER FREUNDSCHAFT MIT SICH SELBST

Die buddhistische Lehrerin Pema Chödrön beschreibt in ihrer Arbeit einen Ansatz, der für viele zunächst ungewohnt klingt:

statt unsere schwierigen Gedanken, Gefühle oder Gewohnheiten zu bekämpfen, zu ignorieren oder endlich zu lösen, dürfen wir sie einfach anschauen. Mit Neugier, mit Wohlwollen. Ein bisschen so, wie eine gute Freundin zuhört, ohne sofort Ratschläge zu geben oder das Gespräch auf sich umzulenken.

Sie nennt das Maitri – Freundlichkeit sich selbst gegenüber. Keine Selbstoptimierung, kein Selbstmitleid, sondern echte, stille Zugewandtheit zu dem, was gerade ist. Die Frage, die sich daraus ergibt, ist eigentlich eine sehr zarte: Was würde es bedeuten, dir selbst gegenüber so zu sein wie gegenüber einem guten Freund – nicht kritisch, nicht fordernd, sondern einfach da?

„Du bist der Himmel. Alles andere ist nur das Wetter." 

— Pema Chödrön

Was bedeutet das für den Alltag?

Dass wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen. Dass wir die schwierigen Gefühle – Ungeduld, Traurigkeit, Unruhe – nicht verdrängen, sondern sie wahrnehmen wie alte Bekannte: "Ach, da bist du wieder."

Diese Haltung ist das Gegenteil von dem, was uns die Leistungsgesellschaft beibringt. Sie ist sanft- und sie ist mächtig.

✦ Maitri im Alltag

Wenn du das nächste Mal merkst, dass du dich selbst kritisierst oder unter Druck setzt, halte kurz inne. Lege eine Hand auf dein Herz. Und frag dich: Was würde ich einem guten Freund jetzt sagen?

Der Körper als Zuhause

Unsere Yogapraxis bietet uns dabei ein wunderbares, immer verfügbares Werkzeug: den eigenen Körper. Nicht als Objekt, das funktionieren soll, nicht als Projekt, das optimiert werden muss, sondern als Ort, an dem wir wohnen dürfen und der uns – wenn wir wirklich zuhören – sehr viel zu sagen hat.

Der Bodyscan, eine der grundlegenden Achtsamkeitsübungen, ist genau diese Einladung:

langsam durch den eigenen Körper zu wandern, von den Zehen bis zum Scheitel, ohne zu bewerten, ohne zu korrigieren. Was spüre ich? Was ist angespannt? Wo halte ich gerade fest, ohne es zu merken? Es ist ein bisschen so wie nach Hause kommen – die Tür aufmachen, schauen was da ist, und es erst einmal so lassen, wie es ist.

Kleine Übung für zwischendurch:

✦  Lege beide Hände auf deinen Bauch und spüre drei Atemzüge lang, wie er sich hebt und wieder senkt. Mehr braucht es nicht, um zurückzukehren.

GESCHENKTE ZEIT: WENN WARTEN ZUR PRAXIS WIRD

Die U-Bahn kommt nicht, eine ewig lange Warteschlange im Supermarkt, der Freund kommt zu spät, der Computer lädt ein Update…

Wir alle kennen dieses aufsteigende Kribbeln der Ungeduld, dieses leise (oder nicht so leise) Genervtsein – und sofort greifen wir zum Handy oder verlieren uns in Gedankenspielen über alles, was wir gerade eigentlich tun müssten. Was aber, wenn wir diese Momente als das verstehen würden, was sie tatsächlich sind: eine kleine, unverhoffte Pause? Ein Geschenk in Verkleidung?

“Wo sonst haben wir so wunderbare Möglichkeiten, Geduld zu üben, andere Menschen zu beobachten und sogar zu meditieren, als am Bahnhof oder Flughafen?"

Das nächste Mal, wenn du wartest: Lass das Handy in der Tasche, spüre deine Füße auf dem Boden, atme einmal tief und schau dich um – ohne zu urteilen. Was siehst du? Was hörst du? Wie fühlt sich dieser Moment an, wenn du aufhörst, gegen ihn anzukämpfen? Keine Yogamatte, keine App, keine besondere Ausrüstung notwendig.

Wartezeit ist Übungszeit. Gratis. Täglich. Mehrmals.

In diesen Augenblicken musst du nichts leisten. Niemand erwartet etwas von dir. Du kannst einfach: atmen- den Raum wahrnehmen- die Menschen um dich herum beobachten – ohne zu urteilen. Fühlen, wie deine Füße den Boden berühren.

Das sind keine kleinen Dinge. Das ist Meditation im Alltag – genau da, wo das Leben tatsächlich stattfindet.

✦ Die 3-Atem-Pause

Sobald du merkst, dass du wartest: Nimm drei bewusste Atemzüge. Ein- und ausatmen, den Atem spüren, wo er anklingt – Nase, Brustkorb, Bauch. Mehr braucht es nicht. Das reicht.

Der Atem – immer dabei, immer verfügbar

Der Atem ist das eigentliche Geheimnis der Achtsamkeitspraxis – nicht weil er magisch ist, sondern weil er immer da ist. Vor der wichtigen Besprechung, im Stau, mitten in einem schwierigen Gespräch, beim Einschlafen, beim Warten. Er ist der verlässlichste Anker ins Jetzt, den wir haben, und er fragt nie nach einem ruhigen Ort, einem Kissen oder einer bestimmten Tageszeit.

In der Praxis geht es nicht darum, den Atem zu einem anderen zu machen, ihn zu verlangsamen oder zu vertiefen oder irgendwie richtig zu atmen. Es geht einzig darum, ihn zu bemerken, so wie er ist. Und jedes Mal, wenn du merkst, dass du in Gedanken abgedriftet bist und sanft zurückkommst, stärkst du genau diese Fähigkeit. Das ist kein Versagen, das ist die eigentliche Übung.

Du musst nicht meditieren, um den Atem zu nutzen. Du musst nur bemerken, dass du atmest. In dem Moment, in dem du das tust, bist du achtsam. In diesem Moment bist du bei dir.

✦ Atemübung für zwischendurch

Einatmen für 4 Zählungen – kurze Pause – Ausatmen für 6 Zählungen. Die längere Ausatmung aktiviert den Parasympathikus und beruhigt das Nervensystem. Wirkung: sofort.

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ACHTSAMES ZUHÖREN: DAS SCHWIERIGSTE GESCHENK

Wann hast du zuletzt jemandem wirklich zugehört – nicht schon die Antwort formuliert, während der andere noch spricht, nicht das Handy im Blick, nicht halb woanders?

Achtsames Zuhören ist eine der tiefsten Formen von Respekt, die wir einander schenken können, und gleichzeitig eine kraftvolle Übung für uns selbst, denn sie erfordert, dass wir unsere eigenen Impulse zurückhalten: den Kommentar, den Rat, die schnelle Einordnung.

Im Buddhismus heißt es: Sanfte Sprache bedeutet auch, Stille zu lassen, damit andere gehört werden können.

Rumi formuliert es als drei Tore, durch die jedes Wort gehen sollte, bevor es ausgesprochen wird: Ist es wahr? Ist es notwendig? Ist es freundlich? Wer diese Fragen zur Gewohnheit macht, verändert nicht nur, was er sagt – sondern wie er zuhört.

✦ Listening Practice

Versuche heute in einem Gespräch einmal, deinen Gesprächspartner wirklich ausreden zu lassen – ohne bereits die Antwort vorzubereiten. Spüre, was das in dir auslöst. Das Unbehagen ist die Übung.

Befriend Yourself – was das wirklich bedeutet

Am Ende läuft Achtsamkeit auf etwas erstaunlich Einfaches hinaus: Freundschaft schließen mit sich selbst.

Nicht mit der Idealversion von dir, nicht mit dem Menschen, der du irgendwann sein solltest oder wolltest – sondern mit dem, der du gerade bist, inklusive der unruhigen Gedanken, der Ungeduld in der Warteschlange, der Momente, in denen Meditation überhaupt nicht funktioniert und du am liebsten das Kissen wegschmeißen würdest.

Pema Chödrön beschreibt es so: Wir lernen, uns selbst zu begegnen wie einen alten, vertrauten Freund – jemanden, den wir kennen und mögen, auch wenn er manchmal nervt, auch wenn er Fehler macht, auch wenn er weit davon entfernt ist, perfekt zu sein. Diese Haltung ist keine esoterische Idee, sondern knallharte, tägliche Praxis – im Alltag, in der Warteschlange, beim Atmen, beim Zurückkommen.

Das Üben von Achtsamkeit offenbart und entwickelt die Eigenschaften von Weisheit und Mitgefühl – die Zwillingstugenden dieser Praxis."

— aus dem Achtsamkeits-Manual

Fünf kleine Schritte – heute, gleich, jetzt

✦  Lege beide Hände auf den Bauch und spüre drei Atemzüge lang, wie er sich bewegt.

✦  Das nächste Mal, wenn du wartest: Handy weg, Füße spüren, umschauen ohne zu urteilen.

✦  In einem Gespräch einmal wirklich zuhören, ohne bereits die Antwort vorzubereiten.

✦  Wenn du merkst, dass du in Gedanken abdriftest: kein Vorwurf, einfach zurückkommen – das ist die eigentliche Übung.

✦  Frage dich abends: Gab es heute einen Moment, in dem ich wirklich da war? Wenn ja, gut. Wenn nein, morgen gibt es neue Wartezeiten.

Achtsamkeit braucht kein besonderes Setting und keine perfekten Bedingungen. Sie braucht nur die Bereitschaft: Tue nichts, was dich aus deinem Körper bringt. Oder anders gesagt: Komm wieder. Immer wieder. Dorthin, wo du gerade bist. Das ist genug.

„Du kannst im gesamten Universum nach jemandem suchen, der deine Liebe und dein Mitgefühl mehr verdient als du selbst – und dieser Mensch ist nirgendwo zu finden." 

— Buddha

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Achtsamkeit auf den Atem