Empathie × Acts of Service
Thích Nhất Hạnh
“Mitgefühl ist keine Technik. Es entsteht, wenn wir wirklich anwesend sind.”
Yoga wird häufig über das definiert, was äußerlich sichtbar ist: Haltungen, Atemtechniken, Sequenzen. Doch mit wachsender Praxis zeigt sich immer deutlicher, dass Yoga vor allem eine Schulung der Wahrnehmung ist. Nicht, um sich aus dem Leben zurückzuziehen, sondern um ihm wacher, klarer und verbundener zu begegnen. Empathie, Liebe und dienendes Handeln entstehen in diesem Kontext nicht als moralische Anforderungen, sondern als natürliche Ausdrucksformen von Präsenz.
Empathie bedeutet im yogischen Sinne nicht, alles zu fühlen oder jeden Zustand zu übernehmen, sondern anwesend zu sein, ohne sich selbst zu verlieren. In der Praxis zeigt sich das ganz konkret: im bewussten Spüren während Anstrengung, im Atmen unter Druck, im Bleiben, wenn etwas herausfordernd wird. Wer lernt, sich selbst in Bewegung wahrzunehmen, entwickelt die Fähigkeit, auch andere differenzierter zu sehen, ohne sofort zu bewerten oder einzugreifen.
Liebe ohne Pathos
Liebe ist im Yoga kein emotionaler Ausnahmezustand und kein romantisches Ideal. Sie zeigt sich als Haltung, die trägt, auch wenn es komplex wird. Als Fähigkeit, verbunden zu bleiben, ohne festzuhalten. Als Bereitschaft, offen zu bleiben, ohne sich zu verausgaben. Diese Form von Liebe entsteht nicht aus Sanftheit allein, sondern aus innerer Stabilität.
Auf der Matte wie im Alltag bedeutet das, Widerstand nicht als Fehler zu begreifen, sondern als Teil der Erfahrung. Wer sich selbst nicht verlässt, wenn es anstrengend wird, entwickelt eine ruhige Verlässlichkeit, die auch im Kontakt mit anderen spürbar wird. Liebe wird dann weniger zu einem Gefühl und mehr zu einer Qualität von Präsenz, die nichts fordert und nichts beweisen muss.
„Yoga is a practice, not a performance.“.
– Judith Hanson Lasater
Acts of Service – Karma Yoga, real life
Aus dieser Präsenz heraus entsteht Handeln, das nicht erschöpft, sondern trägt. Im Yoga wird von Karma Yoga gesprochen: Handeln ohne Anhaftung an das Ergebnis. Acts of Service sind keine zusätzlichen Aufgaben auf einer ohnehin vollen Liste, sondern Ausdruck von Klarheit im Moment. Sie entstehen dort, wo Wahrnehmung und Handlung zusammenfallen.
Das kann bedeuten, Verantwortung zu übernehmen, ohne sich wichtiger zu machen. Zuhören, ohne bereits die Lösung parat zu haben. Unterstützen, ohne sich selbst zu übergehen. Diese Form des Dienens ist nicht selbstlos im Sinne von Aufopferung, sondern verbunden mit einem klaren inneren Standpunkt. Sie fühlt sich nicht nach Pflicht an, sondern nach Stimmigkeit.
Yoga ist kein Slowdown
Yoga wird oft mit Entschleunigung gleichgesetzt, doch dieses Bild greift zu kurz. Yoga bedeutet nicht, langsamer zu werden, sondern klarer. Nicht weniger zu tun, sondern bewusster. Die Praxis schult die Fähigkeit, auch mitten in Bewegung präsent zu bleiben, auch bei Tempo verbunden zu handeln und auch unter Druck weich zu bleiben, ohne instabil zu werden.
Empathie entsteht dann nicht aus Rückzug, sondern aus Regulation. Liebe nicht aus Romantik, sondern aus innerer Verlässlichkeit. Acts of Service nicht aus Erschöpfung, sondern aus einem klaren Gespür dafür, was gerade gebraucht wird. Yoga wirkt hier nicht als Bremspedal, sondern als inneres Navigationssystem, das auch bei Dynamik ausgerichtet hält.
“Yoga teaches us to cure what need not be endured and endure what cannot be cured.”
– B.K.S. Iyengar
Kurze Praxis: Im Kontakt bleiben
Setz dich aufrecht hin, stabil und gleichzeitig durchlässig. Der Körper trägt sich selbst, ohne Anstrengung. Die Schultern dürfen sinken, der Atem findet seinen eigenen Rhythmus. Wenn es sich stimmig anfühlt, schließe die Augen oder senke den Blick.
Spüre den Kontakt zum Boden oder zur Sitzfläche und nimm wahr, dass du hier bist. Jetzt. Der Atem fließt frei, ohne dass du etwas verändern musst. Ein- und Ausatmung kommen und gehen, während du wach bleibst.
Richte die Aufmerksamkeit nach innen und nimm wahr, wie es dir gerade geht. Ohne Analyse, ohne Optimierung. Vielleicht ist da Ruhe, vielleicht Unruhe, vielleicht beides gleichzeitig. Alles darf da sein.
Beginne nun, dir selbst innerlich einfache Sätze anzubieten. Sag sie nicht mechanisch, sondern so, als würdest du sie ernst meinen – ohne Druck, ohne Erwartung:
Möge ich sicher sein.
Möge ich klar sein.
Möge ich mir selbst mit Freundlichkeit begegnen.
Wenn die Sätze Widerstand auslösen oder leer wirken, ist das in Ordnung. Bleib trotzdem dabei. Lass sie wie eine Ausrichtung wirken, nicht wie ein Ziel.
Nach einigen Atemzügen erweitere den Fokus auf einen Menschen, dem du im Alltag begegnest. Keine komplizierte Beziehung, kein emotionales Thema. Jemand, der einfach Teil deines Lebens ist. Richte die gleichen Sätze auch an diese Person:
Mögest du sicher sein.
Mögest du klar sein.
Mögest du dir selbst mit Freundlichkeit begegnen.
Dann kann sich der Kreis weiter öffnen. Andere Menschen. Der Raum um dich herum. Ohne Anstrengung, ohne dass etwas „groß“ werden muss.
Bleib noch einige Atemzüge bei dieser Ausrichtung.
Dann öffne langsam die Augen und nimm diese Qualität mit – nicht als Stimmung, sondern als innere Haltung, die dich durch den Tag begleitet.
Wirkung
Empathie, Liebe und Acts of Service sind keine Ziele. Sie entstehen, wenn Wahrnehmung, Handlung und innere Ausrichtung zusammenfinden.
Yoga führt nicht weg vom Leben, sondern tiefer hinein.
Er unterstützt dabei, auch im Trubel präsent zu bleiben, Verantwortung zu übernehmen, ohne hart zu werden, und klar zu handeln, ohne sich selbst zu verlieren.
Yoga wirkt nicht nur auf der Matte. Er zeigt sich dort, wo Kontakt entsteht – direkt, unaufgeregt, wirksam.