Inneres Kind
Jack Kornfield
„Die tiefste Form der Heilung besteht darin, uns selbst so zu begegnen, wie wir sind.”
Das Konzept des inneren Kindes geht davon aus, dass wir alle Anteile in uns tragen, die sich in unserer Kindheit gebildet haben. Erfahrungen, Gefühle, Bedürfnisse und Schutzmechanismen, die damals entstanden sind, wirken oft bis ins Erwachsenenalter hinein – manchmal leise im Hintergrund, manchmal sehr deutlich in unserem Denken, Fühlen und Handeln.
Diese inneren kindlichen Anteile können kraftvoll, kreativ, verspielt und neugierig sein. Sie können aber auch verletzt, ängstlich oder verunsichert sein, geprägt von Momenten, in denen wir uns nicht gesehen, nicht gehalten oder nicht ausreichend geschützt gefühlt haben. All das gehört dazu. Und all das lebt in uns weiter.
Innere-Kind-Arbeit lädt uns dazu ein, diesen Anteilen mit Offenheit und Mitgefühl zu begegnen. Nicht, um Vergangenes zu analysieren oder „zu reparieren“, sondern um Beziehung aufzunehmen – zu uns selbst. Indem wir uns unseren inneren Kindern zuwenden, können wir beginnen, alte Glaubenssätze und Verhaltensmuster sanft zu lösen und neue, nährende Erfahrungen zu ermöglichen. Wir lernen, uns selbst liebevoll zu begleiten, Grenzen wahrzunehmen und Bedürfnisse ernst zu nehmen.
So entsteht Raum für Selbstakzeptanz, innere Sicherheit und ein tieferes Vertrauen ins eigene Erleben.
Yoga als Weg der Verbindung
Yoga kann ein kraftvoller Zugang sein, um diese inneren Prozesse zu unterstützen. Die Yogapraxis lädt uns ein, den Körper als Erfahrungsraum zu nutzen – als Ort, an dem Gefühle, Erinnerungen und innere Zustände spürbar werden dürfen, ohne bewertet zu werden.
In den Yoga Sutras beschreibt Patanjali Yoga als einen Weg, der Körper, Geist und Bewusstsein gleichermaßen anspricht. Ein zentrales Sutra lautet:
Sthira Sukham Asanam
स्थिरसुखमासनम् || 2.46 ||
Die Haltung – und im weiteren Sinne die Praxis – soll zugleich stabil (sthira) und angenehm (sukha) sein. Diese Qualität lässt sich nicht nur auf Asanas beziehen, sondern auch auf unsere innere Haltung uns selbst gegenüber. Innere-Kind-Arbeit braucht genau das: Halt und Sanftheit. Klarheit und Freundlichkeit. Struktur und Weichheit.
Yoga kann uns dabei helfen, diese Balance zu verkörpern – auf der Matte und darüber hinaus.
Innere-Kind-Arbeit und Yoga
Yoga und innere Kind-Arbeit ergänzen sich auf natürliche Weise. Über den Körper können wir Zugang zu inneren Zuständen finden, die sich nicht immer in Worte fassen lassen.
In der Praxis kann das bedeuten:
Verkörperung von Gefühlen
Asanas und Atemübungen ermöglichen es, Emotionen auf körperlicher Ebene wahrzunehmen und auszudrücken. Gefühle dürfen da sein, sich zeigen, sich verändern – ohne dass wir sie festhalten oder wegmachen müssen.
Achtsame Wahrnehmung und Präsenz
Durch langsame, bewusste Bewegungen und Atemlenkung entsteht ein sicherer Raum, in dem auch verletzliche Anteile spürbar werden dürfen.
Visualisierungen und Meditation
In stillen Momenten kann die Vorstellung helfen, dem inneren Kind zu begegnen – es zu sehen, zu halten, ihm zuzuhören oder einfach bei ihm zu sein.
Yoga-Therapie
Yoga-Therapie verbindet yogische Methoden mit psychologischen Ansätzen und schafft einen ganzheitlichen Rahmen für Heilungsprozesse, die Körper und Psyche gleichermaßen einbeziehen.
Affirmationen als innere Ausrichtung
Affirmationen können unterstützend wirken, wenn sie ehrlich gewählt und regelmäßig geübt werden. Sie ersetzen keine innere Arbeit, können aber eine neue Ausrichtung schaffen und innere Sicherheit stärken.
Mögliche Affirmationen für die Arbeit mit dem inneren Kind können sein:
Ich bin geliebt und geschützt.
Ich erkenne meinen Selbstwert und weiß, dass ich wertvoll bin.
Ich darf fühlen, was ich fühle.
Ich erlaube mir, sanft mit mir zu sein.
Ich bin in der Lage, mich selbst zu trösten und für mich zu sorgen.
Ich vertraue meiner inneren Stimme.
Ich gebe meinem inneren Kind die Aufmerksamkeit, die es braucht.
Wichtig ist dabei immer: Wähle Worte, die sich stimmig anfühlen. Nicht jede Affirmation passt zu jeder Lebensphase.
Fazit
Innere-Kind-Arbeit und Yoga laden uns beide dazu ein, wieder in Beziehung mit uns selbst zu treten. Sie erinnern uns daran, dass Heilung nicht im „Besserwerden“ liegt, sondern im Dasein, im Spüren und im Annehmen dessen, was ist.
Indem wir spielerische, achtsame und liebevolle Elemente in unsere Yogapraxis integrieren, können wir uns mit unserer inneren Lebendigkeit verbinden – mit Freude, Neugier und einer tiefen, stillen Verbundenheit zu uns selbst.
Nicht, um jemand anderes zu werden.
Sondern um mehr wir selbst zu sein.